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Was war. Was wird.

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Was macht ein Pinguin mit einer Feder dran? Genau: Er befindet sich auf Kriegspfad. Und wehe, wenn er zum Stamm der Linux-Pinguine zählt! Sie sind zäh und verschlagen und lächeln nicht einmal, wenn sie als Riesenpinguine einen ganzen Campus zertreten. So zeigte es ein begehrtes Plakat auf der letzten Comdex: Tux zertrampelt auf ihm genüsslich den Hauptsitz von Microsoft in Redmond. Jetzt aber schlägt der grimmige Tux in Deutschland zu und zertrampelt Bielefeld, eine Stadt von zweifelhafter Existenz. Dort wurde in dieser Woche der Big-Brother-Award vergeben und dabei erwischte es den Apache-Webserver beim "Szene-Preis" auf Grund schwerster Verfehlungen im Logfile bei einer Standardinstallation. Nun macht eine Feder wenig her, darum steckte die Jury diese dem Tux zu. Das brachte wiederum das Blut der Szene zum Wallen: Schließlich läuft Apache beileibe nicht nur unter Linux. Selbst ein Geburtsagstörtchen für Bill Gates, mit bunten Fensterrahmen und einer Feder mittendrin, wäre statthaft gewesen. Und was für eins! Jede Standardinstallation des RAS unter Windows NT oder 9x installiert NetBEUI zusammen mit dem TCP/IP-Protokoll. Damit gibt die Verbindung im Zweifelsfall den Nutzer- und den Computernamen preis - auch ein Frage der Privatsphäre. So aber hat die tuxlastige Unlogik des Szene-Preises die fatale Folge, den Big-Brother-Award von der Szene zu entfremden, aus der sich 80 Prozent der Tipps für diesen Preis rekrutierten. Glückwunsch nach Bielefeld! Und das mit dem Loggen von IP-Adressen üben wir noch einmal, nicht war? Vor allem, da ich angesichts des Szene-Preises nur hoffen kann, dass für die Webseite des Big-Brother-Awards die Standardkonfiguration des sie auslieferneden Apache-Servers geändert wurde.

*** Preise hin, Preise her - die Reaktion der Gemeinde auf das Edelmetall für Tux beziehungsweise "Die Feder" zeugt von einer gewissen Unsouveränität. Erfolg macht anscheinend empfindlich. Man könnte meinen, auf dem Campus in Redmond zu stehen nach dem Tortenangriff auf den Oberguru. Die Psychopathologie der EDV-Branche, ob sie nun auf Open Source setzt oder auf geheime Quellcodes, will erst noch geschrieben werden. Aber vielleicht hat sich dies ja auch dank einiger russischer Hacker von selbst erledigt: Wenn Windows mehr oder weniger unfreiwillig Open Source wird, wer will da noch den Basar zur Revolution gegen die Kathedrale führen. Zumal das mit den Quellcodes so eine Sache ist - das Damoklesschwert des Untergangs hängt über Netscape nur noch an einem ganz dünnen Faden, da helfen alle offen gelegten Sourcen nichts. Womit genug Material für die Verschwörungstheorie to end all Verschwörungstheorien geliefert wäre. Denn in Wirklichkeit hat bestimmt Scott McNealy im Auftrag von Larry Ellison den Code von .NET gemopst - in der hinterlistigen Absicht, liege der Code des neuen Microsoft-Hoffnungsträgers erst einmal offen, komme nie eine Version davon heraus: Die Hälfte der Entwickler lacht sich tot, die andere Hälfte verfällt über dem Versuch, ihn zu verstehen, dem Veitstanz. Die Redmonder taumeln in den Abgrund - finis.

*** So weit ist es aber noch lange nicht und Larry wird sich noch eine ganze Weile abstrampeln müssen, um reicher als Bill zu werden. Derweil ging gestern in dem kleinen Örtchen nahe der Stadt Seattle, die im Unterschied zu Bielefeld nachweislich existiert, aber immer verregnet sein soll, stattdessen einmal wieder die Sonne auf. Ein kleines Ständchen zum wichtigsten Ereignis der Woche habe ich nun ja schon abgeliefert: Wenn Bill Gates 45 wird, darf Hal Faber unter den Gratulanten schließlich nicht fehlen. Bemerkenswerterweise gab es nicht nur die üblichen Reaktionen unserer geliebten Betriebssystemkrieger, von denen die einen "Hosianna" jubeln und die anderen "Verbrennt den Hexer" geifern. Die gab es natürlich auch, aber ebenso Dankesworte für die Nicht-Verwendung des Begriffs Bobo zur Beschreibung der Herren und Damen aus der New Economy. Eigentlich war dies aber ein Versehen: Schließlich ist Bill Gates so eine Art Ober-Bobo, unsterbliches Denkmal aller Dot.Coms, Fleisch gewordener Inbegriff des modernen amerikanischen Mythos und aussichtsreicher Kandidat im ideellen Rennen mit US-Präsidentschaftskandidat Al Gore, das Internet erfunden zu haben. Dumm nur, dass Gates anscheinend langsam zu alt für einen Bobo wird.

*** Aber vielleicht ist ja unser Tux auf Kriegspfad der letzte lebende Bobo und die geneigten Leser der Wochenschau brauchen sich keine Sorgen mehr zu machen: Denn auf Kriegspfaden gibt es bekanntlich Tote. Und ein solcher scheint der Bobo zu sein. Vom Autor des Buches "Bobos in Paradise" kommt die Nachricht, dass er in den heftigen Abwinden der Internet-Ökonomie für die Bobos die Variante P.O.W. vorschlägt, Prisoners of Work. Ausnahmsweise glaube ich, dass er Unrecht hat: Die Bobos leben weiter, auch wenn sie sterben! Wie das geht, zeigt Bigwords, ein gerade zu Grabe getragener Dot.com, der gebrauchte Lehr- und Studienbücher an darbende Studenten verscherbeln wollte und nun Stil beweist: "Wenn du nicht träumst, gewinnst du nicht. Wir fingen mit Geld von unseren eigenen Bankkonten an und bauten ein Geschäft auf, das für alle Zeiten die Weise revolutioniert hat, wie eine 5-Millarden-Dollar-Industrie Geschäfte macht. Das könnt ihr auch. Später."

*** Nun gut, ich will auch KatiH einen Gefallen tun und die Sphäre der Bobos vorerst verlassen. Von den Bobos ist es glücklicherweise auch nur ein kleiner Schritt zu Boris Becker, einem ehemaligen Tennisspieler. Letzte Woche habe ich seine millionenschwere Kampagne für AOL-Screennames erwähnt, doch scheint es so, als ob einfache Namen mit einem aol.com für den Herren nicht ganz das Gelbe vom Ei sind. So lässt er flächendeckend Domain-Inhaber abmahnen, die die Marke Boris besetzen. Etwa so wie bei Boris.de. Hier zeigt sich, was ein guter Werbevertrag wert ist: Beim AOL-Hosting-Service verschwand flugs die Domain Steffi.de in der Versenkung. Eine andere Marke mit Macke ist der Explorer, der nach einem Bericht lieber Kollegen mittels Hörfehler ins Jahr 1991 zurückdatiert wurde. Nun will sich der Verfechter des reinen, unteilbaren Explorers auf die Zeit vor 1986 zurückziehen. Also vor die Zeit, als die Discotec in Düsseldorf ein Archiv der in Deutschland verfügbaren Diskothekensteuerungen anlegte. Ehret die Archive des Wissens, sagte schon Foucault - und wir drücken bei der Suche natürlich die Daumen.

*** Die Assoziation zu Christoph Daum ist wirklich nur ein kleiner Dreher, lieber Adorno. Letzte Woche schneite die RWE-Agenda in nordrhein-westfälische Haushalte, das Kundenmagazin des Stromversorgers RWE mit dem Untertitel "Verantwortung Leistung Zukunft". Zu lesen ein Daum-Special, in dem kein Trainer redet. Christoph Daum beschreibt seinen Job im Interview seines Werbepartners anders: "Seit ungefähr zehn Jahren bin ich bei Unternehmen tätig und berate das mittlere und gehobene Management im Bereich der Teambildung." Dann fragt der Interviewer, warum Daum nicht zu einem Internet-Startup gegangen ist. Doch was ist schon ein Dot.com? Doch nur eine Ansammlung strampelnder Bobos (oops...). RWE dagegen! So auch die Antwort Daums: "Der etwas schwierige Begriff Multi Utility sagt ja nichts anderes, als dass der Kunde bei uns alles aus der Hand bekommt. Er wendet sich an uns und wir versorgen ihn mit Licht und Wärme und Wasser und entsorgen seinen Abfall. Wenn du RWE anrufst, ist das Problem erledigt." Hallo, RWE? Wir hätten gerne Strom, den Internet-Anschluss und die Web-Adresse der Gesellschaft für deutsche Haarforschung.

Was wird.

Wo der Big-Brother-Award weg ist und der österreichische Preisträger Haider samt seinen Datenbankforschern noch da ist, lohnt es sich vielleicht, die Privacy2000 zu erwähnen. Sie findet vom 30. bis 31. Oktober in Columbus, Ohio statt. Zu den Hauptsponsoren dieser Veranstaltung gehört eine Firma des Walt Disney-Konzerns, der sich rühmt, in seinen Parks das weltweit beste flächendeckende Videoüberwachungssystem installiert zu haben. Ein Schuft, wer böses dabei denkt.

Das wichtigste Ereignis der nächsten Woche ist aber eigentlich ein Nicht-Ereignis: Nämlich die Nicht-Expo. Am 31. Oktober geht sie nun endgültig zu Ende, hinterlässt ein paar Mark, die noch zu bezahlen wären, und wird verabschiedet von begeisterten Menschen, die hier zu Lande meist als Ausländer tituliert werden. Nicht nur, dass sie ihre Länder nett dargestellt sahen, nein sie fühlten sich auch liebevoll und gastfreundlich aufgenommen. Da reibt sich der Hannoveraner verwundert die Augen: Die Stadt an der Leine als humanistische Enklave inmitten eines Landes, in dem kahlköpfige Skins und dumpfbackige NPD-Funktionäre ihr Unwesen treiben? Scheint so, denn andernorts will man andere Saiten aufziehen: In Berlin findet etwas mehr als eine Woche nach dem Ende der Expo die große Demonstration gegen Rechts statt. Ob sich der humanistische Hannoveraner aber in Gesellschaft von Friedrich "Deutsche Leitkultur" Merz, Günther "nützende statt ausnützende Ausländer" Beckstein, Jürgen "Kinder statt Inder" Rüttgers oder Otto "Das Boot ist voll" Schily gut aufgehoben sieht, wird sich zeigen müssen. Aber vielleicht fühlten sich die Expo-Ausländer auch nur so wohl, weil der normale Deutsche damit rechnen durfte, dass sie nur neun Monate im Land bleiben. (Hal Faber)

Heise Online, 29. Oktober 2000

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