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Quelle-Versand: Es gibt Straßen, in die wir nicht gern liefern

In geheimen Datensammlungen von Firmen schneiden Berliner schlecht ab. Datenschützer kritisiert „informationelle Diskriminierung“

Von der Bestellung seiner neuen Waschmaschine im Internet hatte sich Ronald C. eine rasche und reibungslose Lieferung erhofft. Doch Wochen später kam zunächst ein Schreiben, in dem ihm verschärfte Bedingungen gemacht wurden: Lieferung nur gegen Vorkasse – erst das Geld, dann die Ware. Was er nicht wusste: Er wurde zum Opfer eines so genannten „Scorings“. Ronald C. wohnte in Wedding und war nach seiner Scheidung zwei Mal innerhalb kürzerer Zeit umgezogen. In den geheimen Datensammlungen von Versandhäusern, Banken und Handy-Providern gibt es dafür schlechte Noten – und schlechte Konditionen für Geschäfte.

Wie berichtet, schneiden viele Lagen in Berlin im Scoring besonders schlecht ab. Aus der Verbraucherzentrale Berlin heißt es, dass vor Jahren noch ganz Kreuzberg ein schlechtes „Score“ hatte und nur gegen Vorkasse in den Bezirk geliefert wurde. Doch die Methoden wurden verfeinert und die Datensammlungen erweitert: Nun werden Merkmale wie Wohnort, Alter, Familienstand, Beruf, Zahl der Konten, Automarke und Freizeitverhalten berücksichtigt.

Weil die Score-Macher aber weder die genaue Anzahl noch die Gewichtung der „Merkmale“ verraten, mit denen die „guten“ von den „schlechten“ Verbrauchern getrennt werden, sind auch die Datenschützer alarmiert. Denn wer erst einmal schlecht benotet ist, hat kaum Chancen auf eine Berichtigung. Dem Berliner Datenschutzbeauftragten Alexander Dix zufolge droht eine „informationelle Diskriminierung“, wenn ganze Bevölkerungsgruppen ohne individuelle Prüfung eingestuft werden. Und „wir wissen, dass allein die Tatsache, in einigen Straßenzügen zu wohnen, bei den Banken negativ bewertet wird“, sagt Dix.

Beim Versandhaus Quelle heißt es dazu: „Von allen Neukunden, über die uns keine Informationen vorliegen, verlangen wir Vorkasse“, so Manfred Gawlas. Der Firmensprecher räumt aber ein, dass sich das Versandhaus auch mit Hilfe von „internen Informationen“ vor Zahlungsausfällen schützt. So gebe es „bestimmte Straßenzüge, wo weder wir noch andere Handelsunternehmen leichten Herzens Ware hinliefern“. In diesen Lagen würden überdurchschnittlich viele Rechnungen nicht bezahlt. Ob der Stadtteil Wedding darunter fällt oder welche sonstigen Berliner Straßenzüge betroffen sind, will Gawlas nicht sagen.

Das Phänomen ist auch dem Betriebsberater bei der Berliner Handwerkskammer bekannt: „Einige Firmen erhalten keinen Kredit, weil sie die falsche Adresse haben oder aus der falschen Branche stammen“, sagt Georg Klasmann. „Vernünftige Banken“ würden jedoch die Kreditvergabe von den konkreten Zahlen der beantragenden Firma abhängig machen.

Die „Klassengesellschaft“, in die das Scoring Verbraucher aufteilt, erfahren Berliner auch bei Service- und Info-Hotlines: Viele landen da oft ganz hinten. Sind sie schließlich an der Reihe, „dann werden sie oft mit mangelhaft qualifizierten Mitarbeitern verbunden“, sagt Rena Tangens, Vorsitzende des Bürgerrechtler-Vereins Foebud.

Ralf Schoenball

Tagesspiegel, 10. Januar 2006
Original: http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/10.01.2006/2282405.asp

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