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Zukunfts-Technologie

Kleiner Chip gegen mündige Bürger

Ein sandkorngroßer Funk-Chip wird in wenigen Jahren sämtliche Produkte kennzeichnen. Er soll Logistik und Lagerung für Händler erleichtern sowie Geld und Ausweise fälschungssicher machen. Doch Datenschützer warnen inständig vor einer generellen Einführung: Mit Hilfe dieser Chips können Bewegungsprofile der Kunden erstellt, ihr Konsum beobachtet und ihr Verhalten durchleuchtet werden.

Suchbild: Der Mini-Chip

"Du hast aber eine schöne Krawatte, wo hast du die denn gekauft?" - Fragen wie diese könnten bald überflüssig werden. Dann halten Sie stattdessen ein Lesegerät an die Krawatte Ihres Bekannten, bekommen sofort deren Preis angezeigt und können sich das Exemplar per Knopfdruck online bestellen. Denn in dieser Krawatte steckt ein Chip.

Der persönliche Peilsender -- RFID bei Metro-Gruppe

Die Metro-Gruppe, das fünftgrößte Handelsunternehmen weltweit, wird noch in diesem Jahr die RFID-Technologie einführen. Im November werden zunächst 100 Lieferanten ihre Ware mit den Chips versehen, die an 250 Märkte ausgeliefert wird. Darunter: Real SB und Galeria Kaufhof. Er ist winzig klein, gerade einmal drei Quadratmillimeter groß. Damit ist er klein genug, um in sämtliche Materialien eingearbeitet zu werden _ sogar in die menschliche Haut kann er implantiert werden. RFID heißt die Technologie _ kurz für "Radio Frequenz Identifikation" _ und funktioniert wie ein kleiner Peilsender.

Spezielle Lesegeräte funken ein Erkennungssignal an die Antennen der Chips, die dann die bekannten Daten ausspuckt. Mithilfe von Datenbanken ist dann jeder Gegenstand und jedes Lebewesen eindeutig zu identifizieren und sämtliche Informationen über den Träger können gespeichert werden - nicht nur für Datenschützer ein Horrorszenario.

Was halten Sie von Kundenkarte, Chip und Co.?

Dass ich einem Unternehmen damit Daten liefere, macht mir nichts aus. Es kann dadurch besser auf meine Bedürfnisse eingehen.

Auch wenn ich mit einem Bonusprogramm dafür belohnt würde, ich möchte nicht zum "gläsernen Menschen" werden.

Kaufhilfe für den Kunden?

Derzeit werden die Chips vor allem in der Warenlogistik eingesetzt. Die Funkwellen senden selbst durch Verpackungen hindurch. Je nach Bauart können die RFID-Chips sogar über Distanzen von mehreren Metern gelesen werden _ quasi im Vorbeigehen. Im Supermarkt der Zukunft gibt es dann den allwissenden Einkaufswagen, der aufgrund von Kundenkarte und RFID-Chip den Einkaufszettel vom letzten Mal anzeigt und den Kunden an Lieblingsprodukte erinnert - Informationen, die auch den Handel interessieren.

Aber nicht nur im Supermarkt, auch in der Bekleidungsindustrie sollen die Chips eingesetzt werden: von der Schuhsohle, über die Marken-Jeans bis zum Jackett. Als erste Bekleidungsfirma hatte Benneton den Chip in einige seiner Produkte eingewebt. Über die Erfahrungen berichtete es, der Effekt für den Transport der Ware vom Produzenten zur Boutique um die Ecke sei für das Unternehmen beachtlich.

Klamotten auf dem Radar-Schirm

Das Problem: Die Chips bleiben auch nach dem Kauf aktiv. Über die Funksender sind sie - ähnlich wie Mobiltelefone - innerhalb von Sekunden jederzeit zu orten. In Ihrer neu gekauften Jeans könnten Sie also über GPS sogar weltweit aufgespürt werden. So ließ ein Krankenhaus in Taiwan seine SARS-Patienten den Chip am Körper tragen, um die Infektionswege im Blick behalten zu können. Entsprechend gäbe es auch zweifelhafte Einsatzmöglichkeiten: etwa als geheime "Stechkarte", wenn Arbeitgeber diskret überprüfen wollen, wann ihre Angestellten durch die Eingangstüre schreiten.

Das Funk-Implantat

Die Ortungs-Funktion scheint neben der Warenlogistik vor allem Haustierbesitzer zu interessieren, die fürchten, dass ihr Liebling einmal verschwindet: Sie können ihren Tieren den Chip implantieren lassen. Doch noch ehe die Technologie weltweit eingeführt worden ist, offenbaren sich vor allem auf dem amerikanischen Kontinent weitere ungeahnte Anwendungsmöglichkeiten.

Schlagzeilen machte etwa der Fall der "Chipsons": die Mutter einer sechsköpfigen Familie in Florida wollte den Chip ihren Kindern einsetzen lassen. In Lateinamerika hingegen sollen sich bereits fast 3.000 Menschen den Chip implantiert haben lassen _ aus Angst vor Entführungen. In Europa hingegen denkt man darüber nach, den Mini-Sender etwa verwirrten Altenheimbewohnern einzupflanzen, die wiederholt aus dem Heim verschwinden und sich verlaufen: "Big Brother is watching you".

Eine Kreditkarte, die unter die Haut geht

Das funkende Mini-Implantat könnte sogar als Kreditkarte funktionieren. Der Hersteller wirbt damit, dass man diese Karte nicht mehr verlieren könne. Doch auch die bislang anonyme Bargeldbezahlung ist in Gefahr: Die Europäische Zentralbank erwägt, irgendwann alle Geldscheine mit dem winzigen Chip auszustatten.

Zwar wären diese Scheine definitiv fälschungssicher, doch kann dann jeder Zahlvorgang, der damit getätigt wurde, nachvollzogen werden. Im Idealfall findet eine Bank mit Hilfe der Chips einen Koffer mit gestohlenem Geld, im schlimmsten Fall müsste sich ein Unschuldiger rechtfertigen, der zufällig an einen Geldschein aus illegalen Geschäften geraten ist. Weiterhin warnen Datenschützer: Mit mobilen Lesegeräten könnten Taschendiebe künftig feststellen, wie viel Bargeld jemand bei sich hat.

Das Ende der Privatsphäre

Die Chiphersteller wittern bei dem schon weit entwickelten RFID einen Milliardenmarkt. Der Handel will Logistik und Verkaufsstrategien verbessern. Unterdessen haben mehr als vierzig internationale Bürgerrechts- und Datenschutzorganisationen einen groß angelegten Protest gegen die drohende Funkchip-Inflation gebildet. Sie warnen vor allem vor dem versteckten Anbringen der Mini-Sender in Alltagsgegenständen.

Bayrischer Rundfunk, 16. Januar 2004
Original: http://www.br-online.de/wissen-bildung/artikel/0401/19-rfid-chip/index.xml

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