Orwell lässt grüßen

„Wer Freiheit.gegen Sicherheit eintauscht, verdient weder eines von beidem, noch wird er es jemals bekommen". (Benjamin Franklin, US-Staatsmann und Erfinder des Blitzahleiters 1706-1790)

Der Future-Store in Rheinsberg bei Duisburg wurde gerade neu eröffnet. Marion Z. als Test-Kundin ist beeindruckt. Wenn sie ihre neue Kundenkarte neben den Einkaufswagen hält, wird sie von einem Display auf dem Griff persönlich begrüßt und bekommt ihren persönlich abgespeicherten Standard-Einkaufszettel, den sie vorher angeben musste, angezeigt. Bei jedem Einkauf ergänzt der Computer die Liste je nach ihren persönlichen Vorlieben. Per „Navigationssystem" auf dem Display wird sie immer den optimalen Weg zum nächsten Produkt ihrer Einkaufsliste erfahren, Such-Zeiten entfallen. Außerdem: Weil Diebstahl durch die RFID quasi unmöglich wird, sollen die Preise insgesamt sinken, heißt es. Das Aufs-Band-Laden an der Kasse entfällt, die Ware ist ja schon beim Einlegen in den Einkaufswagen registriert worden und die Zahlung erfolgt per Karte. Das spart Personal ein und dadurch ist es möglich, preisgünstiger einkaufen zu können.

Die ersten Vertreter des Handels besichtigen den Future-Store und sind begeistert! Nie wieder Waren ausverkauft, dass Nachfüllen der Regale kann zentral koordiniert werden. Keine Preisauszeichnung mehr, weil die Preise direkt vom Zentralrechner auf die Displays an den Einkaufswagen gegeben werden. Kunden können außerdem über die Displays individuell mit Werbespots angesprochen und beworben werden. Dieses Szenario stammt nicht aus irgendeinem Science Fiction-Film, sondern diesen Futures-Shop betreibt der Metro-Konzern seit April 2003 an obigen Standort.

Möglich ist dies durch eine neuartige Technologie, die sich ziemlich unbemerkt von der Öffentlichkeit in unser Alltagsleben eingeschlichen hat, dem RFID-Chip. RFID bedeutet „Radio Frequency Identification" und auf den ersten Blick könnte man meinen, es handele sich nur um eine techmsche Weiterentwicklung des- Strichcodes, an den wir uns alle schon gewöhnt haben. Im Gegensatz zum herkömmlichen Strichcode, den jeder Kunde an der gekauften Ware erkennen kann, hat der neue RFID mal gerade die Größe eines Reiskornes und kann somit nicht direkt auf den ersten Blick entdeckt werden.

Das Neue an den RFID-Chips ist, dass damit JEDER Gegenstand eine weltweit eindeutige Seriennummer bekommt und damit eindeutig identifizierbar ist. Bislang haben sämtliche Joghurtbecher einer bestimmten Sorte im Regal den gleichen Strichcode aufgedruckt -mit RFID wird somit jeder Becher einzeln identifizierbar. Erst der nachgeschalteten Datenbank ist zu entnehmen, zu welcher Sorte gerade dieser Becher gehört. Wir als Käufer werden dadurch ebenfalls eindeutig identifizierbar, wenn wir den Becher z.B. mit einer Bank- oder Kundenkarte bezahlt haben.

-Etiketten sind winzige Computerchips mit Miniaturantennen, die an Waren angebracht werden können. Bei den am meisten genutzten Anwendungen von RFIDs enthält der Microchip einen elektronischen Produktcode, der lang genug ist, jedes weltweit hergestellte Produkt eindeutig zu identifizieren und es ist auch möglich, weitere Daten hinzuzufügen. Wenn ein RFID-Lesegerät ein Funksignal abgibt, antworten in der Nähe befindliche Chips, indem sie die auf ihnen gespeicherten Daten an das Lesegerät übermitteln. Bei passiven (batterielosen) RFID-Etiketten kann die Leseentfernung von ca. einem Zentimeter bis ungefähr fünf oder zehn Meter variieren, während aktive, mit eigenen Energiequellen ausgerüstete Etiketten, eine weit größere Leseehtfernung haben können und so werden die Daten an ein System von vernetzten Computern gesandt.

Ich hoffe, Sie haben den kurzen Einblick in diese neue Technologie verstanden, wenn nicht auch okay, denn das ist auch im Sinne der Erfinder, bloß nicht zuviel Information hierüber, denn die könnte den Kunden nur erschrecken.

Die Befürworter dieser neuen Technologie argumentieren deshalb, dass so die Lagerbestände im Warenhaus genau registriert werden können, die Inventur vereinfacht und auch Ladendiebstahl durch diesen Chip verhindert wird. Als Kunde habe ich dann auch die Information aus welchem Land das Obst herkommt und wie lange es unterwegs war. Produkte können so eindeutig bis zum Hersteller zurückverfolgt werden, dies hat besonders im Medikamentenbereich den Vorteil, Produktfälschungen zu erkennen. Der Wal-Mart hat mittlerweile 100 Zulieferer dazu verpflichtet, RFID-Chips auf Kisten und Paletten anzubringen und andere Weltkonzerne ziehen mit. Nach Angaben eines Industriebeobachters gibt es zurzeit rund 60.000 Zulieferfirmen, die unter solch einer RFID-Verpflichtung stehen. Auch das amerikanische Verteidigungsministerium verlangt von seinen Zulieferern RFID zu benutzen.

Was die Kosten für die Chips angeht, so werden derzeit unterschiedliche Preise genannt. Und natürlich spielen unterschiedliche Gesichtspunkte bei der Preisgestaltung eine Rolle. So ist die Auflage aus Herstellersicht ein wichtiges Kriterium. Derzeit haben Abnehmer bei Preisverhandlungen dennoch eine gute Ausgangsposition, da zur Markteinführung Einführungsrabatte gewährt werden. Bei passiven RFID-Transpondern bewegen sich die Kosten pro Stück bei einer Auflage von 1 bis 10 Millionen zwischen 5 und 10 Cent. Selbstverständlich wird dabei immer wieder von den Befürwortern betont, dass diese Chips zum Wohle des Konsumenten eingesetzt werden und dass es nicht darum geht, den Kunden und sein Kaufverhalten zu erfassen.

Dass dies allerdings nur die halbe Wahrheit ist, daraufweisen viele Kritiker hin und sprechen deshalb berechtigt vom Schnüffelchip, denn dieser Chip kann nämlich wesentlich mehr. „Missbräuchlich genutzt, haben RFIDs ein großes Potential zur Gefährdung der Privatsphäre von Konsumenten, zur Verringerung oder bis hin zum Verlust der Käuferanonymität und zur Bedrohung bürgerlicher Freiheiten ", schreibt der Verein für Internet- Benutzer Österreichs in einem Positionspapier.

Nehmen wir einmal an, Sie sind Kunde im Future-Shop und haben eine Kundenkarte und in dieser wird der Chip schon automatisch integriert. Sobald sie den Laden betreten wird ihre Karte über Lesegeräte an der Eingangstür eingelesen und man ist sofort über ihr Kaufverhalten, Geschlecht, Alter, Wohnort und ihre Kaufkraft informiert. Meine Kaufkraft, wie will das der Laden wissen, kommt jetzt als Einwand. Das geht ganz einfach über ein Verkäuferprofil, dass automatisch mit ihrem. Einkauf erstellt wird. „Den Managern großer Handelskonzerne kribbelt es bei dem Gedanken in den Fingern, dass man in der Lage ist, die Preise für die Waren gemäß der Einkaufsgeschichte eines Kunden und nach seinem , Wert'individuell festzulegen. RFID erlaubt dem Ladeninhaber, Ihre Kaufkrafl zu erfassen, während Sie die Produkte in Ihren Einkaufswagen packen und Ihnen dabei einen dazu passenden kundenspezifischen Warenpreis entgegenblinken zu lassen. Kaufkräftige Kunden könnten zwei Euro für ein Glas Marmelade bezahlen müssen, während notorische Schnäppchenjäger und finanzschwachen Kunden dafür das Doppelte berechnet wird. Das Ziel, das dahinter steckt, ist, die Loyalität derjenigen Kunden zu fördern, die zu Umsatz und Profit mehr beitragen können. Während man auf der anderen Seite die weniger Reichen abschrecken möchte. Denn warum, so argumentieren die Händler, sollen unprofitable Kunden den Laden verstopfen und ihre Luft atmen ? " (aus dem Buch SPYCHIPS von Katherine Albrecht & Liz Mclnttyre). Ganz so abwegig ist dieser Buchausschnitt nicht, der Metro-Konzern hatte 2003 einen Teil seiner Kundenkarten mit diesen RFID-Chips ausgestattet, ohne die Nutzer darauf ausdrücklich hinzuweisen, erst als dies bekannt wurde, tauschte der Konzern diese Karten um. Wieso der Metro-Konzern Kundenkarten mit RFID-Chips in Umlauf gebracht hat, darauf gab es keine Antwort und so bleibt die oben beschriebene Vermutung im Raum stehen, damit sollten solche Käuferprofile erstellt werden.

Bleiben wir noch etwas in unserem Supermarkt der Zukunft. Es könnte auch die Farbe ihrer Unterwäsche festgestellt werden und dies ist wirklich kein Witz. Der Kleiderkonzern Benetton hatte schon versucht RFID-Chips in Damenunterwäsche einzuarbeiten und nur durch die Kampagne „Ich würde lieber nackt rumlaufen " musste der Konzern die Etiketten aus seinen Produkten entfernen.

Klar, werden hier die Befürworter antworten, es kann ja sein, dass ein Kunde Ware in einem anderen Supermarkt gekauft hat, und den Kassenbon nicht dabei hat. Es ließe sich also durch den RFID-Chip klären, dass die Ware in einem anderen Geschäft gekauft worden ist und also kein Ladendiebstahl vorliegt. Ist doch echt verbraucherfreundlich und mit den Chips soll angeblich sowieso kein Ladendiebstahl mehr möglich sein - alles Quatsch, mal angenommen ein Ladendieb geht an der Kasse vorbei und Sie stehen zufällig am Lesegerät, dann wird das Produkt bei Ihnen abgerechnet und sie zahlen im Endeffekt die gestohlene Ware, ohne es im ersten Moment zu bemerken.

Folgendes wäre auch möglich, in den USA nähen schon jetzt Vermieter von Berufskleidungen RFID-Chips in ihre Kleider ein, die auch eine Reinigung bei hohen Temperaturen überstehen. Auch hier stellt sich die Frage, wieso in Berufskleidung? „Die Supermarkt-Fachkraft Gerd J. ist begeistert von der neuen Technik. Das lästige An-der-Kasse-Sitzen fällt weg, die Regale sind leichter befüllbar, die Lager effektiver genutzt. Als er abends nach Hause kommt, liegt dort ein Brief seiner Geschäftsleitung mit einer Abmahnung. Er sei in den vergangenen Wochen durchschnittlich 9 Mal auf der Toilette gewesen und habe dort pro Tag ca. 72 Minuten zugebracht. Das liege 27 Minuten über dem Soll und diese Zeit werde ihm zukünftig von seinem Arbeitszeitkonto abgezogen. Entsetzt sucht er seinen Supermarkt-Kittel ab und findet einen RFID im Kragensaum ". (www.foebud. org/rfid/) Dies ist möglich, wenn man innerhalb des Supermarktes Lesegeräte an verschiedenen Orten installiert. So war es auch möglich, dass in einer Wal Mart-Niederlassung in Oklahoma eine Videokamera auf ein Kosmetikregal gerichtet war, die es den Managern des Herstellers (Procter&Gamble) ermöglichte Kunden, ohne deren Wissen zu beobachten, während sie RFID-etikettierte Lippenstifte ausprobierten. Dies waren nur ein paar Beispiele was mit diesen Schnüffelchips schon jetzt machbar ist. Noch spielt sich dieses Szenario im Supermarkt, dem so genannten geschlossenen Raum ab. Eine wichtige Forderung ist es, dass die Chips nach der Kasse vernichtet werden müssen und das ist gar nicht so einfach wie FoeBuD schreibt: „ Verbraucher, die die Zerstörung der Etiketten wünschen, könnten zu diesem Zweck umständliche oder lästigen Verfahren auferlegt werden — wie zum Beispiel das Anstehen vor einem so genannten ,killer kiosk' (In den momentangängigen ,killer kiosks'muss jedes Stück einzeln aufgelegt werden, ein langwieriger und zeitraubender Vorgang). Es könnte weiter von ihnen verlangt werden, dass sie die Zerstörung selbst vornehmen müssen. Kunden, die sich dafür entscheiden, die Etiketten zu zerstören, erhalten möglicherweise nicht dieselben Rabatte oder Sonderangebote wie andere Kunden oder ihnen werden nicht dieselben Umtauschkonditionen zugestanden". Sollten Sie sich dazu entscheiden, die Etiketten zu zerstören, heißt das aber noch lange nicht, dass Sie auch wirklich zerstört sind. Man kann die Etiketten nämlich auch nur in einen so genannten „Schlafzustand" versetzen um sie später wieder zu aktivieren. Bleibt noch die Alternative Mikrowelle, auch das hat FoeBuD angetestet und.festgestellt, dass ein Joghurtbecher schmilzt und eine Riesensauerei hinterlässt.

Ist es Ihnen egal, dass der Chip sich weiterhin an den gekauften Waren befindet, kann Folgendes nach dem Verlassen des Supermarktes passieren: Hierzu müssen wir noch einmal auf die aktiven RFID-Etiketten zurückkommen, deren Reichweite ja relativ gering ist und man müsste alle paar Meter eine Antenne errichten um Daten zu erfassen, sollte man annehmen. Dem ist nicht so, z.B. können Autos auf einer Autobahn verfolgt werden, ohne dass alle paar Meter ein RFID-Lesege-rät angebracht wird. Sie brauchen nur jeweils an den Auf- und Abfahrten installiert zu werden. Unser Mautsystem funktioniert ja schon so. In gleicher Weise ist es nicht notwendig, in den Städten alle 3 Meter ein Lesegerät zu positionieren, um eine Person zu verfolgen, solange Lesegeräte an strategischen Punkten angebracht sind, wie zum Beispiel Hauseingängen und von dort aus werden die Daten an einen Satelliten (GPS) weitergeleitet. Sie sehen, es ist also bereits gut möglich, den Einkaufund die dazugehörige Person weiter zu verfolgen.

„Marion Z. bekommt einen Bußgeldbescheid der Stadt Duisburg. Das Papier eines von ihr gekauften Mars-Riegels wurde im Ententeich des Stadtparks gefunden. Marion Z. grübelt und kommt -darauf, dass sie den Riegel einem Kind beim Martins-Singen geschenkt hat. Zähneknirschend zahlt sie 10 Euro Bußgeld", (foebud, s.o.) Mal angenommen, Sie gehen regelmäßig auf die Montagsdemo gegen Hartz IV, irgendwo in Ihrer Kleidung ist solch ein Chip versteckt und Sie stehen zufällig in der Nähe eines Lesegerätes, schon werden ihre Daten erfasst.

Wirklich nur vom Supermarkt oder liest da noch jemand anderes Ihre Daten? Auch der Staat hat ein Interesse - logischerweise nur zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus und der Kriminalität - an diesen Schnüffelchips. In unserem Reisepass ist dieser Chip schon vorhanden und er soll auch im neuen Personalausweis integriert werden. Die Europäische Notenbank möchte diesen Chip auch gerne in den Banknoten haben und in den USA überlegt man sich diesen Chip auch in den Briefmarken unterzubringen. Alles zum Wohle der inneren Sicherheit.

Dies geht sogar soweit, dass man die WM-Tickets mit solchen Chips ausgestattet hat. Datenschützer üben daran heftige Kritik, denn auf den WM-Tickets werden viele Daten gespeichert, die dort nicht hingehören. So wird z.B. die Personalausweisnummer gespeichert, obwohl sie für einen Abgleich von Karteninhaber und Person nicht notwendig ist. Welche Daten noch so gespeichert werden, ist nicht bekannt.

Wer nun meint, nun ist aber endlich Schluss, den muss ich leider enttäuschen, denn dieser Chip ist noch vielfältiger einsetzbar.Im neuen Impfausweis für Haustiere ist er schon vorhanden und dem Tier muss seit letztem Jahr solch ein Chip ins Hautgewebe eingepflanzt werden.

Warum demnächst nicht auch am Menschen, z.B. zur Patienten-identifikätion? Im November 2004 genehmigte die US-amerikanische Gesundheitsbehörde den Einsatz des „VeriChip" am Menschen, Der Transponder der US-Firma Applied Digital Solutions wird unter der Haut eingepflanzt. Geworben wird mit einfacher Verfügbarkeit lebenswichtiger Informationen im Notfall. „ Gebrauch als Schlüsselersatz: Der 31-Jährige Steffen Fröschle hat sich einen RFID-Chip in die Hand einpflanzen lassen um damit seine Haustüre zu öffnen. Nach eigener A ussage sei er damit der erste in Deutschland", (www, wikipedia. org/wiki/Rfid) Bleibt zum Abschluss die Frage, wer hat ein Interesse an dieser Technik und wem nutzen solche Mengen von Daten über uns?

Wenn Sie sich näher mit den RITD-Chips beschäftigen möchten, wenden Sie sich an den Verein: FoeBuD e.V. „Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs e.V." Marktstr. 18 33602 Bielefeld Tel: 0521/175254 oder per E-Mail an: presse@foebud.org http://www.foebud.org

Dort gibt es auch das Buch SPYCHIPS von Katherine Albrecht & Liz Mclnttyre zu kaufen, sowie Broschüren und weiteres Informationsmaterial zum Thema. Für Spenden ist der Verein außerdem sehr dankbar.

P S. Die ersten RFID-Anwendungen wurden übrigens bereits Ende des Zweiten Weltkrieges eingesetzt. Sie dienten zur Freund-Feind-Erkennung und man konnte damals schon erkennen, ob die zu beschießenden Stellungen oder die anfliegenden Flugzeuge anzugreifen waren oder nicht. In den 70ern wurden dann die erstgn kommerziellen Vorläufer der RFID-Technik auf den Markt gebracht. (Quelle: www.wikipedia. org/wiki/Rfid)

Uli

FREIeBÜRGER, Freibrg, 01. April 2006
Original: Nicht bekannt