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Rästelhaftes Internet -eine Lesung in Lörrach

Zu wissen, wovon man keine Ahnung hat

Padeluun in der Stadtbibliothek LÖRRACH. Eine Lesung über Internet? Sind Bücher für Computerfreaks nicht von vorgestern? Weit Izefehlt - mit Papier und Tinte wird noch gearbeitet: padeluun, der in der Lörracher Stadtbücherei las, hat seinen Vortrag per Hand in ein Notrzbuch geschrieben. Der zappeli e, ganz in Schwarz gekleidete Bielefelder mit wehender roter Krawatte, ist Co-Autor des amüsanten Buches "24 9tunden im 21.Jahrhundert", von Peter Glaser, Künstler und Netzbetreiber. Und er ist ein redseliger Mensch. Nicht nur von Modems, Mailboxes und Use Net plaudert er. Nein, er erzählt auch, wo es Kochrezepte im Internet gibt, weshalb er sich keine Bahneard kauft, wie Internet in Bosnien geholfen habe, welch nützliche Kontakte man knüpfen könne "am größten Kaffeehaustisch der Welt". Seine Motivation: "Ich will wissen, wovon ich keine Ahnung habe."

Padeluun (er heiße wirklich so, sagt er) bot eine unkonventionelle und vielseitige Lesung: eine Show ohne Computer - Internet unplugged. Zum einen las er Reportagen aus"24 Stunden im 21. Jahrhundert" (Zweitausendundeins-Verlag), aus "Neonazis und Compoternetze" von Burkhard Schörder (rororo) und ein paar wirre, überraschende und lyrische Texte von ihm selbst, die er"im Netz" veriiffentlicht hat. Zum anderen vermittelte er den gut 30 Zuhörern, von denen immerhin drei Frauen sagten, sie besäßen keinen Computer, Wissenswertes zum Internet. Und Skurriles: So werde zur Zeit wild diskutiert, ob Bielefeld wirklich existiere. Zwei junge männliche Zuhörer kicherten wohlwissend. Witziges im Kopf.

Padeluun gab sich betont ungezwungen und unorganisiert, wie wenn er, daheim lesen würdp - an ein Bücherregal gelehnt, einen Titel nach dein anderen herausgreifend. Zweieinhalb Stunden dauerte seine Show. "Haben Sie noch ein bißchen Zeit?", fragte er immer wieder hoffnungsvoll, Witziges im Kopf.

padeluun kann aber auch ernst sein. Wenn er über Tschernobyl, Bosnien und Datenmißbrauch redet. Die Vorteile des Internet dem genauso skeptischen wie neugierigen Publikum darzulegen, lag ihm gerade in diesem Zusammenhang am Herzen. So habe Internet es ermöglicht, Meßdaten nach der Tschernobyl-Katastrophe, die verschwiegen werden sollten, via Geo-Net in Umlauf zu bringen. Auf Initiative von Peter Glaser hätten Bewohner Ex-Jugoslawiens ihr Kriegstagebuch im Netz veröffentlicht. Ungehindert von jedwelcher Zensur, sei so eine andere Wahrheit ans Licht gekommen. Dies zeige, so Padeluun, "weshalb wir so ein Kommunikationsmittel bräuchen!'

Das weltweite Computernetz, das gab Padeluun zu, berge freilich auch seine Gefahren. Er dachte dabei aber nicht an "die vier apokalyptischen Reiter, die immer wieder auftauchen", aber in Realität fast nicht existierten: Verbreitung von Bombenbau-Anleitungen, Drogen, Kinderpornos, Neonazi-Propaganda. Das Problem sei vielmehr der Datenmißbrauch. Es sei ein Mythos, daß das Internet anarchisch und dezentral sei. In Wirklichkeit, so Padeluun, laufe der gesamte Datenverkehr über einen Großrechner in den USA: von den Finwohnerzahlen der Stadt Cottbus bis zu den Daten von Millionen von Bahnkunden_Wehrt Euch!", so sein Appell_Laßt nicht zu, daß so viele Daten auf einem Rechner gespeichert werden. Wir brauchen eine Datenverschlüsselung!' Er kritisierte jene Zeitgenossen, die - aus Angst, nichts zu verstehen dem Thema den Rücken zukehren. Nicht nur wegen den Möglichkeiten, vor allem wegen den Gefahren des Internets sei es notwendig, zu wissen, wovon man keine Ahnung habe.

LORENZ KHAZALEH

Badische Zeitung, 03. Mai 1996

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