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Cyberspace-Fernsehen

Schon bevor der Begriff "Cyberspace" in aller Munde war. versuchten Künstler und Computerfreaks, mit dem Rechner künstliche Wirklichkeiten zu erschaffen. Das Mekka dieser Aktivitäten ist die "Ars Electronica". ein Festival, das jeden Herbst im österreichischen Linz stattfindet. Hier treffen sich Multimedia-Künstler. Filmemacher. Bastler. Journalisten. Computergrafiker und Vertreter der Computer- und Unterhaltungsindustrie.

So konnte man 1989 zum Beispiel die Video-Installation "The Legible City" (die lesbare Stadt) des Holländers Jeffrey Shaw sehen: Die Besucher trampeln auf einem Fitness-Fahrrad vor einer Leinwand, die das Computerbild einer Straße zeigt. Das Bild bewegt sich nun je nach Tretkraft und Lenkung - man hat das Gefühl, mit dem Fahrrad durch die Straßen zu fahren. Der Straßenlauf ist dem Stadtplan von New York nachgebildet, aber statt Häusern und Geschäften sind die Bürgersteige von Sprüchen. Kurzkrimis und Liebesgedichten gesäumt. - Die Dichterlesung für das Jahr 2000.

Einen ungewöhnlichen Weg ging auch die Hamburger Künstlergruppe "Ponton" mit ihrem "Cyber-TV", das 1990 von Linz aus eine Woche live über 3Sat gesendet wurde. "Cyberspace muß alltagskompatibel sein. Also haben wir das Fernsehen mit einbezogen. Wir versuchen, die Zuschauer zur Teilnahme zu stimulieren, während sonst eine reine Einbahnstraße vom Produzenten zum Zuschauer besteht", so Ponton-Macher Benjamin Heidersberger.

In der Sendung mußten sich die Kandidaten im Studio ihren Weg durch das "Hotel Pompino" bahnen. eine Art Computer-Labyrinth, in dem sie verschiedene Aufgaben zu lösen hatten. Die Zuschauer konnten nun über Telefon live in die Sendung eingreifen, den Kandidaten Tips geben oder sie steuern. Zusätzlich wurden in mehreren europäischen Städten Gruppen organisiert, die sich per Bildtelefon in die Sendung einklinken konnten. Die aktuellen Meldungen der Presseagenturen wurden in einem Teil des Bildschirms eingeblendet, in einem anderen Abschnitt erschienen Live-Gespräche aus einer "Mailbox", einer Art Telefonzentrale für Computer-Verbindungen.

"Klar, daß der Zuschauer nicht so viele Informationen auf einmal verarbeiten kann. Aber in der normalen Realität kann man ja auch nicht alles verarbeiten", meint Salvatore Vanasco. der italienische Personalchef der Gruppe. Mancher wurde von diesem neuartigen Konzept - und einigen frechen Sprüchen o überrascht: die "BILD"-Zeitung schrieb etwas zweideutig: "Die schlechteste Fernsehsendung aller Zeiten - heute 22:30 Uhr auf 3Sat".

In der Ponton-Gruppe sieht man "Hotel Pompino" als Experiment, um das heute technisch Mögliche einmal konzentriert einzusetzen - und denkt an eine Weiterentwicklung. "Die Möglichkeit, über das Fernsehen aufeinander zu reagieren, wird in Zukunft die Menschen in den Räumen vor und hinter dem Bildschirm zusammenbringen, zu einer großen Party im Medium!", so der Tscheche Karel Dudesek. Und padeluun, der als Mailbox-Spezialist in Bielefeld sein eigenes "Bionic-Z-Netz" betreibt, fügt hinzu: "Früher haben wir Graffitis auf die Wände der Autobahnen gesprüht, jetzt haben wir die Möglichkeit, die 'Autobahnen' der Zukunft von Anfang an mitzubauen."


Bernd v. den Brincken

'ran 10/91


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