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Computer

E-mail aus Ruinen

Im jugoslawischen Brgerkrieg war das Internet fr viele Menschen der letzte Draht zum Rest der Welt

VON ULRICH EBERHARDT

n einer kleinen Stadt in Nordserbien verbarrikadierten sich 1992 junge Leute in einem Kulturzentrum. Sie weigerten sich, gegen Bosnien und Kroatien in den Bürgerkrieg zu ziehen. Im besetzten Haus riefen sie eine unabhängige Republik aus. Als Hymne wählten sie Ravels "Bolero" und als Wappen eine Pizza - eingerahmt von drei Billardkugeln Selbst die UNO brauchte die Verbindungen In den offiziellen und zensierten serbischen Medien war über die subversive Aktion allerdings nichts zu lesen. Erst einer ungarischen Antikriegsgruppe gelang es, den Fall über Computernetze aus dem abgeriegelten Serbien in das weltumspannende Internet zu schmuggeln. Die Reaktionen vor allem in der amerikanischn Öffentlichkeit retteten den tapferen Kriegsdienstverweigerern sehr wahrscheinlich; das Leben. Ohne das Computernetz der Peaceniks - der Friedensaktivisten in den Staaten des früheren Jugoslawien - wüßte die Welt noch manches nicht vom Krieg auf dem Balkan. Selbst die Vereinten Nationen waren in der belagerten bosnischen Hauptstadt Sar- ajevo auf diese Verbindungen angewiesen. Lange waren sie die einzigen nach außen. Das Internet, das Netz der Computernetzwerke, das heute so viel Euphorie hervorruft, wurde vorn amerikanischen Verteidigungsministerium Ende der sechziger Jahre für den Atomkrieg entwickelt. Es sollte die Kommunikation derer aufrechterhalten, die eine solche Katastrophe überlebt hätten. So erhielt es eine Struktur, die nicht zu kontrollieren und nicht zu zerstören ist. Deshalb ist staatliche Zensur ausgeschlossen - was für Nachrichten aus dem Kriegsgebiet gilt, aber leider auch für rechte Propaganda oder Pornographie. Im früheren Jugoslawien bewährte sich das Netz erstmals unter Kriegsbedingungen. Allerdings sind Pazifisten die Akteure: Mit der Pentagon-Technik verband das "Za Mir" Transnational Network die Menschen verfeindeter Staaten über Frontlinien und geschlossene Grenzen hinweg. Das serbokroatische "Za Mir" bedeutet übersetzt: "für Frieden". Aufgebaut wurde dieses Netz von dem in Deutschland lebenden Amerikaner Eric Bachman. Anfang 1992 installierte der 47jährige Pazifist für kroatische und serbische Friedensgruppen die ersten gespendeten Computer-Mailboxen in Zagreb und Belgrad. Mit Kriegsbeginn zwischen Serbien und Kroatien und dann in Bosnien-Herzegowina war die Kommunikation zwischen den Staaten Exjugoslawiens fast vollständig zusammengebrochen. Im geteilten Sarajevo wurden im Sommer 1992 die Telefonverbindungen nach außen komplett gekappt. Briefe waren über die Schützengräben hinweg Monate unterwegs - auch wenn der Empfänger nur wenige hundert Meter entfernt wohnte. Viele hörten über Jahre nichts mehr von Angehörigen und Freunden.
Es gab nur noch wenige funktionierende Telefonleitungen, "Angelschnüre", wie Bachman die letzten Drähte nach außen nennt. Tagsüber völlig überlastet, reichten sie doch aus, um nachts über Modems elektronische Post zwischen den Computer- Mailboxen auszutauschen. Bachman und seine Peaceniks verbanden nach Belgrad und Zagreb Anfang 1994 die slowenische Hauptstadt Ljubljana mit dem Netz, dann Tuzla und Sarajevo, zuletzt Pristina im abgelegenen Kosova.

Von Zagreb über Bielefeld noch Belgrad

Eine Umleitung über Deutschland überwindet die geschlossenen Grenzen. Elektronische Post von Sarajevo nach Serbien beispielsweise gelangt über Zagreb zu einem Computer in Bielefeld und wird von dort aus nach Belgrad verschickt. Der Rechner dort stellt die Verbindung zum Internet her. Das Kriegsgebiet wurde Teil des .globalen Dorfes". Plötzlich war es wieder möglich, Informationen auszutauschen, Post zu bekommen, Hilfe zu organisieren oder vermißte Angehörige wiederzufinden. In Sarajevo war die über ein Satellitentelefon erreichbare Mailbox bis zum Friedensschluß für die meisten Menschen die einzige Verbindung zum Rest der Welt. Mit und in diesen Netzen überlebten die unabhängigen Medien des früheren Jugoslawien selbst in Belgrad und im Kosovo - trotz Krieg, Zensur und astronomischen Papierpreisen. In Sarajevo kam es während der Belagerung zu mehreren Neugründungen von Magazinen und sogar von Radio- und Fernsehsendern. Die führende bosnische Tageszeitung "Oslobodenke" etwa hatte einst bis zu 32 Seiten. Seit Juni 1991 schrumpfte ihre Größe auf ein Miniformat mit acht, meistens aber nur vier Seiten. Das Verlagsgebäude wurde vollkommen zerstört, die Redaktion von Oslobodenje- produzicrie unter der Ruine im angeblich atombombensicheren Keller weiter, Die Zeitung erschien an jedem Tag der Belagerung den Granaten und unterbrochener Strom-, Gas- und Wasserversorgung zum Trotz. "Osloboderje" wurde zum Symbol für den Lebenswillen des vormaligen multiethnischen Sarajevo. Alle unabhängigen Medien beziehen und verschicken ihre Artikel über das Computernetz - eben über "Za Mir". Manche, wie die serbische "Vreme" und die kroatische "Arkzin", erschienen vollständig auf elektronischem Wege und konnten auch auf der anderen Seite des Schützengrabens gelesen werden. Oslobodenje' gründete 1994 eigens eine Nachrichtenagentur, die täglich das Ausland auf dem laufenden hielt. Auch die amerikanische Regierung informierte sich regelmäßig über die Nachrichtendienste der Friedensgruppen.

Inzwischen gibt es mehr als 2500 Benutzer

So überlisteten die Friedensaktivisten die Kriegszensur mit ihrer eigenen Technik. Inzwischen zählt das -Za Mir"-Netzwerk schon über 2500 Benutzer, darunter 500 Gruppen, erzählt Eric Bachman, nun "Net-Coordinator". Nicht alle besitzen Modem, Computer oder ein eigenes Telefon.In Sarajevo kommen viele mit der Diskette ins "Za Mir"-Büro oder tippen ihre Post dort in den PC ein. Vor allem mangelt es an Telefonanschlüssen. In Belgrad bemühten sich die Mailbox-Betreiber vor Ort seit Jahren vergeblich um einen zweiten Anschluß. In Zagreb dauerte das zwei Jahre und kostete 1400 Mark. Allen Schwierigkeiten zum Trotz steht der. Aufbau neuer telefonischer Einwählmöglichkeiten als nächstes auf Eric Bachmans Aktionsplan. Auf dem Sprung zur nächsten Balkanreise beantwortet er die Frage nach den persönlichen Motiven für seine Arbeit nur kurz: "Ich sehe die Kommunikation zwischen den Menschen auf allen Seiten dieses Konfliktes als Voraussetzung für einen Friedensprozeß. Ich möchte etwas tun für eine friedlichere Welt.

Übrigens, wer mit der friedliebenden Republik mit der Pizza im Wappen diplomatische Beziehungen aufnehmen möchte, kann über das "Za Mir"-Netz direkt anfragen: Die elektronische Adresse lautet ZSR@zamir-bg.ztn.apc.org.

Sonntagsblatt, 01. März 1996

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